Die Gewaltherrschaft der Männer über Frauen

Männliche Gewalt gegen Frauen ist der Versuch, sie zu beherrschen. Wer Gewalt gegen Frauen beseitigen will, sollte auch andere Formen männlicher Herrschaft über Frauen in den Blick nehmen.

Männer und Frauen sind – in verschiedenen Teilen der Welt in unterschiedlichem Tempo – auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Von der vollständigen Gleichstellung der Geschlechter sind wir noch weit entfernt, aber es hat einen Fortschritt gegeben. Ein Fortschritt, der sich hin zur Gleichstellung und weg von der unmittelbaren und gesellschaftlich breit akzeptierten Herrschaft der Männer über Frauen bewegt.

Immer weniger Frauen sind bereit, eine Rolle als Untergebene einzunehmen, aber auch immer mehr Männer wünschen sich in allen Lebensbereichen gleichberechtigte Beziehungen zu Frauen auf Augenhöhe. Dafür müssen sie allerdings auch bereit sein, auf männliche Privilegien zu verzichten.

Für Männer hat das Patriarchat viele Vorteile

Die Herrschaft der Männer über Frauen war und ist in mehrfacher Hinsicht für die Männer nützlich:

Ein Rollenverständnis, demzufolge die Frau dem Mann dient, geht mit der Verfügbarkeit des weiblichen Körpers einher. Das betrifft die Sexualität ebenso wie die Verteilung von Pflichten und Aufgaben. Darüber hinaus haben Männer durch die Objektivierung von Frauen verhindert, dass diese mit ihnen konkurrieren. Der jahrzehntelange Ausschluss von Frauen aus der Konkurrenz im Berufsleben hat dazu geführt, dass Führungspositionen fast ausschließlich von Männern besetzt wurden. Wer Frauenquoten ablehnt, weil Leistung und nicht Geschlecht über Positionen bestimmen soll, verkennt willentlich, dass sehr viele Männer ihren beruflichen Erfolg ihrem Geschlecht zu verdanken haben. Ohne die Diskriminierung von Frauen, die ungeachtet ihres Könnens niemals eine Chance hatten, bestimmte Positionen zu besetzen, hätten Männer diese nicht selbstverständlich für sich beanspruchen können.

Es gibt – immer mehr – Männer, die nicht am Patriarchat hängen. Es gibt aber auch sehr viele Männer ohne Empathie und Gerechtigkeitssinn, die es mit allen Mitteln verteidigen.

Weibliche Selbstbestimmung und Meinungsfreiheit werden bedroht

Wenn Männer psychische oder physische Gewalt anwenden, um Frauen zu kontrollieren, wenn Männer Frauen bedrängen, belästigen oder vergewaltigen, dann agieren sie als despotische Patriarchen, die mit unmittelbarer Gewalt männliche Herrschaft gegen weibliche Selbstbestimmung durchsetzen.

Es gibt aber auch die gesellschaftspolitischen und ökonomischen Patriarchen, die in Diskursen oder ganz praktisch im Berufsleben einen antifeministischen Kampf gegen die Gleichberechtigung führen. Auch wenn sie nicht offen despotisch agieren, bemühen sie sich um die Sicherung bzw. – aus ihrer Sicht – Wiederherstellung der männlichen Herrschaft über Frauen.

Das erklärt auch, warum Sichtbarkeit selbstbewusster Frauen bei vielen Männern ungehemmte Aggressionen auslöst. In die Diskussion um Meinungsfreiheit und Debattenkultur fließt viel zu selten der Aspekt ein, dass Männer gezielt versuchen, Frauen, die sich öffentlich im Internet äußern, durch Beleidigungen und Bedrohungen zum Schweigen zu bringen. Diese Männer wollen den öffentlichen Raum als exklusive Sphäre der Männlichkeit zurückerobern. Incels und andere Phänomene offenen Frauenhasses sind Ausdruck einer gefühlten Ohnmacht von Männern, die sich ihrer Macht durch den Feminismus beraubt sehen. Gewalt in all ihren Formen ist ihr Weg, die Herrschaft, die ihnen nach eigenem Verständnis zusteht, zurückzuerobern.

Gewalt als letztes Mittel oder sadistische Lust

Nicht alle, die das Patriarchat befürworten, sind gewalttätig gegenüber Frauen, aber das Patriarchat ist immer strukturell gewaltförmig. Einigen ökonomisch impotenten Männern, die ihre Rolle als „Ernährer der Familie“ nicht ausfüllen können, bleibt – sofern sie nicht eine auf Freiwilligkeit basierende Beziehung ohne Herrschaftsanspruch auf Augenhöhe führen können oder wollen – nur die unmittelbare Sicherung ihrer Herrschaft durch Angst und Gewalt. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass Gewalt gegen Frauen nur von denen ausgeübt wird, die keine ökonomische oder soziale Überlegenheit ausspielen können. Es gibt viele Männer, die Frauen schlichtweg verachten und sich nicht damit zufriedengeben, sie zu beherrschen. Für sie befriedigt Gewalt gegenüber Frauen eine sadistische Lust.

Der Kampf zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen muss feministisch sein

Das Patriarchat ist eine auf Diskriminierung beruhende und damit ungerechte Herrschaftsform. Ungerechte Herrschaftsformen werden selten allein durch rohe, unmittelbare Gewalt aufrechterhalten. Polizeigewalt und Verfolgung durch Geheimdienste gehen fast immer mit einem System der Patronage, der Etablierung ökonomischer Abhängigkeiten und Propaganda einher. Soll heißen: Wenn wir Gewalt gegen Frauen abschaffen wollen, sollten wir sie als ein Mittel zur Sicherung patriarchaler Herrschaft verstehen. Für ihre Überwindung müssen wir auch die anderen Instrumente der männlichen Herrschaft über Frauen kritisieren und auf ihre Abschaffung drängen. Ein gesellschaftliches Bewusstsein, das eine Unterwerfung von Frauen unter männliche Herrschaft nicht akzeptiert, bringt Frauen hervor, die sich nicht beherrschen lassen – weder mit noch ohne Gewalt. Und vor allem: Es bringt Männer hervor, die es nicht erstrebenswert finden, Frauen zu beherrschen, klein zu halten und ihre Selbstbestimmung einzuschränken. Ein ernst gemeinter Kampf zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ist feministisch – und sollte gleichermaßen von beiden Geschlechtern geführt werden.

Antifeminismus und Gewalt: Ein direkter Zusammenhang

Soll das heißen, dass es eigentlich dasselbe ist, wenn Männer ihre Frauen schlagen und wenn Männer sich gegen eine Frauenquote aussprechen bzw. bewusst das berufliche Fortkommen von Frauen verhindern? Nein.

Soll das heißen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Frauen, der Herrschaft über Frauen und der Ablehnung von Feminismus, Frauenquote und gendergerechter Sprache gibt? Ja, genau das.

von Henning Flaskamp

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