Frauenfeindliche Punchlines – Gewalt gegen Frauen in der Rap-Musik

Das Propagieren von Gewalt gegen Frauen ist in der Rap-Musik nicht nur allgegenwärtig. Es ist mittlerweile derart geläufig, dass es von KünstlerInnen und HörerInnen kaum noch bemerkt wird. Auch nicht von denen, die in ihren eigenen Songs kräftig daran mitwirken. Frühstücken wir zu Beginn die allzu offensichtlichen Beispiele ab.

King Orgasmus One rappt: „Du bist ne Fotze, eine ganz normale Frau/ Die nicht weiß, was sie will komm ich schlag dich grün und blau“). Dem inzwischen zum everybodys darling geronnenen Sido verdanken wir Stilblüten wie: „Katrin war schockiert, sie hat nicht gewusst dass der Negerdildo auch vibriert/ ihr Arsch hat geblutet und ich bin gekommen“. Das sollte für den Anfang reichen.

Nicht nur mit Holzhammern wie diesen, auch mit subtileren Mitteln wird der Hass auf Frauen und die Verherrlichung von (und Ermutigung zu) Gewalt gegen diese salonfähig gemacht. Das zeigt etwa die inflationäre Verwendung des Begriffes „Bitch“, der mal als Lückenfüller, mal als Universalansprache eingesetzt wird. Kaum jemand würde auf Nachfrage einräumen, damit „Hure“ zu meinen. Das tut er aber, er weiß es nur nicht mehr. Und nicht nur das: Es wird in der Konsequenz als Abwertung benutzt, als ob irgendetwas an (selbstbestimmter) Sexarbeit verwerflich wäre. Oder an Promiskuität, die bei Männern bekanntlich als Ausweis von Potenz und Attraktivität gilt.

Gleiches gilt für die Abwertung weiblicher Genitalien. „Fotze“ gehört ebenfalls zum Vokabular rappender Deplorables, während der „Schwanz“ immer dann metaphorisch herausgeholt wird, wenn man eine Dominanzgeste vollführen will. Weibliches Untenrum: Igitt. Männliches Untenrum: Woah!

Nun ist die Abwertung von Frauen der notwendig erste Schritt auf dem Weg zur Gewaltanwendung. Erst wenn ich mein Gegenüber abwerte, kann ich ihm (ihr) Gewalt antun, ohne dass sich mein Gewissen im Übermaß meldet. Es ist ein küchentisch-psychologischer Allgemeinplatz, dass Gewalt gegen vermeintlich Schwächere aus eigenen Gewalt- oder Zurückweisungserfahrungen resultiert. Nur ist das letztlich für die Opfer irrelevant. Warum sollen Frauen und Mädchen für die (oft hausgemachten) Seelen-wehwehchen der männlichen Zunft wortwörtlich den Kopf hinhalten?

MusikerInnen sind Vorbilder. Ihre Sprache hat eine Wirkung grade auf junge HörerInnen. Ob sie wollen, oder nicht. So kommt es zu der zunächst absurd anmutenden Situation, dass viele weibliche Hip-Hop-Fans sexistische und gewaltverherrlichende Inhalte nicht etwa verurteilen, sondern hinnehmen und nicht selten gutheißen. „Das gehört einfach zur Hip-Hop-Kultur dazu“, und „Die meinen das ja nicht so“, hört man dann oft. Klar ist aber auch: Man kann den (ich weiß, keiner mag als solches bezeichnet werden, aber dennoch) Opfern des Patriarchats nicht vorwerfen, sich mit diesem zu arrangieren. Es ist eine Selbsterhaltungs-Strategie. Dennoch muss man sich als starke Frau vielleicht nicht auch noch zum Mit-Motor dieser Entwicklung machen, wie etwa „Lady Bitch Ray“ (ist alles ironisch gemeint, ich weiß) oder Schwesta Ewa, gegen die übrigens der Verdacht im Raum stand, junge Frauen zur Prostitution gezwungen zu haben.

In diesem unappetitlichen Fahrwasser muss bereits die Abwesenheit von Gewaltverherrlichung und Sexismus als Positiv-Beispiel gelten. Sonst wird es recht dünne. Gegen Rassismus sprechen sich viele RapperInnen aus, das gibt hübsche Erwähnungen im Feuilleton und kommt auch bei den Fans super an. Explizite Songs gegen Gewalt an Frauen sind hingegen derart selten, dass dem Autor dieser Zeilen spontan kein einziger einfällt.

Immerhin gibt es eine stabile Zahl emanzipatorischer Rapperinnen, die zeigen, dass sich Gleichberechtigung und Respekt wunderbar reimen können. Die Rede ist hier von Künstlerinnen wie Sookee oder Lena Stoehrfaktor, aber auch Leuten wie Jennifer Gegenläufer. Und unter uns: Die können auch viel besser rappen als King Orgasmus One und Sido.

von Martin Niewendick, Journalist und Rapper

Hörbeispiele:

One thought on “Frauenfeindliche Punchlines – Gewalt gegen Frauen in der Rap-Musik

  1. Abwertung Frauen gegenüber kenne ich seit meiner Kindheit, im Elternhaus begonnen
    Ich finde es klasse und mich immer wieder bestärkt, wenn dieses hochsensible Thema angegangen wird.
    Seit kurzem schreibe ich in einem Blog über meine Erfahrungen und hoffe damit vielen zu zeigen, dass man sich nicht für seine Gefühle schämen, geschweige denn, schuldig fühlen darf und vor allem nicht, wenn man sie offenbart.
    Liebe Grüße,
    Anna
    https://annawoschter.blogspot.com

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