Herausragend engagiert – Maren Herz alias Morgaine

Hallo Maren, erzähl uns doch ein bisschen von Dir…

Mein Name ist Maren. Ich bin 26 Jahre alt und lebe in Wien. Seit ein paar Jahren mache ich unter meinem Künstlernamen „Morgaine“ Musik, bin Künstlerin und Aktivistin und setze mich in jeglicher Form für Frieden und Gerechtigkeit ein.
Mit meiner Musik will ich die Menschen berühren und zum Nachdenken anregen. Als Aktivistin mache ich z.B. auf Themen wie sexuelle Gewalt, die fehlendene Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, die Tabuisierung der Menstruation oder die sexuelle Objektifizierung des weiblichen Körpers aufmerksam.

Du hast zuletzt ein Lied aufgenommen, dass sich dem Thema Gewalt widmet. Möchtest Du erzählen, was Dir passiert und was Dich veranlasst hat, dieses Lied zu veröffentlichen?

Mein neuer Song „NEUMOND“ (#WehrDich) handelt von meiner traumatischen Kindheit und Jugend, in der ich selbst jahrelang von sexueller Gewalt betroffen war. Was mir passiert ist, lässt sich für mich schwer in wenige Sätze packen, weil alles sehr komplex ist.
Der Vater meiner Mutter hat mich viele Jahre lang sexuell missbraucht – es begann schon als ich ein ganz kleines Kind war. Er hat ebenso meine Mutter sexuell missbraucht und misshandelt. Sie hatte jedoch alles verdrängt und konnte mich somit nicht davor schützen. Dazu kommt, dass ich von unterschiedlichen, anderen Männern ebenfalls missbraucht wurde als ich ein Kind war, und in meiner Pubertät von 3 Jugendlichen/jungen Erwachsenen vergewaltigt wurde.
Ein Großteil meines Lebens bestand aus Missbrauch, Gewalt und Angst – bis ich 18 Jahre alt war.
Was mich jedoch immer von vielen anderen Betroffenen unterschieden hat, war das innere Wissen, dass ich nicht schuld bin und dass ich mich nicht schämen muss. Dies hat mich vermutlich gerettet…dies und meine Hoffnung, dass alles irgendwann vorbei sein wird und auch mein starker Wille zu überleben und mich (auf meine Art) irgendwann zu wehren und anderen Menschen zu helfen.
Mein Großvater war hochangesehener Polizei-Chef und hatte viel zu sagen, gute Kontakte etc. – vermutlich der Hauptgrund dafür, dass er nicht angeklagt wurde, als wir ihn anzeigten und insgesamt 11 Zeugen für uns aussagten, inklusive ärztlicher und psychologischer Gutachten usw.
Eine anonyme Gutachterin, die sich meine 4-stündige Videovernehmung ansah, kam zu dem Schluss dass ich nicht glaubwürdig sei, „da man sich nicht an Dinge vor seinem 5. Lebensjahr erinnern könnte.“ Das Verfahren wurde eingestellt und das war für mich eine ernorme Demütigung.

Was hat Dir geholfen mit Deinen Erfahrungen klar zu kommen? Was gibt Dir Halt?

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, für die Schwachen und Kleinen einzustehen. Durch die Unterstützung guter (Trauma-) Therapien und einen stabilen Freundeskreis, habe ich es geschafft, aus den mir widerfahrenen Traumata eine Stärke zu ziehen, mit der ich anderen Menschen helfen kann.
Da Musik meine Sprache ist, mich auszudrücken, war für mich klar, dass ich auch Musik über genau dieses dunkle Thema machen möchte.
Normalerweise singe ich hauptsächlich, doch das kam mir hierfür nicht passend vor. Darum habe ich einen Rap geschrieben, durch den ich meinen Zorn und den Schmerz noch besser zeigen und transformieren kann.

Hast Du Kontakt zu anderen Betroffen? Haben sich viele Betroffene nach Deinem Song „Wehr Dich“ bei Dir gemeldet?

Nachdem ich den Song veröffentlicht habe, habe ich fast nur positives Feedback bekommen – gerade auch von anderen Betroffenen. Mich haben danach tatsächlich sehr viele betroffene Menschen kontaktiert, haben sich bedankt, wollten Ratschläge, haben mich um Hilfe gebeten oder haben einfach nur jemanden zum Zuhören gebraucht, der sie versteht.
Da ich auch schon vor meinem Song sehr offen mit meiner Geschichte umgegangen bin und auch in Interviews darüber erzählt habe, kamen davor auch immer wieder Menschen zu mir, die von sexueller Gewalt betroffen waren.

Hast Du noch etwas, dass Du uns oder anderen Betroffenen mit auf den Weg geben möchtest?

Ihnen habe ich das gesagt, was ich auch allen anderen Betroffenen mitgeben möchte: Zuallererst wisst, dass ihr unschuldig seid und dass es nichts gibt, wofür ihr euch schämen müsstet. Ihr habt nichts falsch gemacht! Die Verantwortung liegt allein beim Täter.
Seid mutig und verliert niemals die Hoffnung und den Glauben an euch selbst und eure Kraft. Sprecht unbedingt über das, was euch passiert ist. Auch, wenn ihr das Gefühl habt, euch hört niemand zu oder wenn ihr die Erfahrung (wie ich) machen musstet, dass euch niemand glaubt. Ihr dürft niemals aufgeben!
Seid mutig und traut euch!
Steht auf, seid laut und unbequem! Zeigt euch und wehrt euch! Nicht durch Gewalt oder Rache-Aktionen, nein…wir werden nicht zum Täter. Wir können uns anders wehren, indem wir darüber sprechen, es öffentlich machen und anderen helfen. Wir nehmen die Macht der Täter, in dem wir sie uns zurückholen. Raus aus dem Opfer-Dasein und rein in die aktive Schöpferrolle! Ein Opfer findet sich mit der Situation ab und verharrt in ihr. Wir aber finden uns nicht länger damit ab. Du BIST kein Opfer. Du WARST es, aber du bist es JETZT nicht mehr. (Es sei denn, du bist momentan immer noch in der Situation.) Das Schlimmste was du einem Täter antun kannst, ist es nicht, wenn du ihn verprügelst oder hinter Gitter bringst – das Schlimmste ist, wenn du kein Opfer mehr bist. Denn dann bist du stark und er kann dir nichts mehr antun. (Das „er“ steht für „den Täter“, impliziert aber nicht, dass es nur männliche Täter gibt – es gibt auch Weibliche.) Du kannst für dich diesen Schritt gehen, wenn du bereit dafür bist. Das heißt nicht, dass du vergessen sollst, was passiert ist – oder dass du (jetzt) vergeben musst. Nein, es heißt nur, dass du für dich jetzt dein Leben in die Hand nimmst und dem Täter keine Macht mehr über dich gibst. Zeig dich und sei mutig! Wir sind so viele und wir sind stark. Es ist Zeit für eine neue Gesellschaft, ohne Missbrauch und Gewalt. Durchbrich den Kreislauf von Opfer-Täter und steig aus.

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